Mascha KalékoAusgewählte GedichteEinmal sollte man... Einmal sollte man seine Siebensachen Fortrollen aus diesen glatten Geleisen. Man müßte sich aus dem Staube machen Und früh am Morgen unbekannt verreisen. Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen. Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen, Als ob das immer so gewesen wär. Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen, Prozenten oder Aktenstaub befassen. Man müßte Konfession und Stand verlassen Und eines schönen Tags das Leben schwänzen. Es gibt beinahe überall Natur, - Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen - Und soviel Wiesen, die trotz Sonntagstour Auch werktags unbekümmert weiterblühen. Man trabt so traurig mit in diesem Trott. Die anderen aber finden, daß man müßte... Es ist fast so, als stünd man beim lieben Gott Allein auf der schwarzen Liste. Man zog einst ein Lebenslos "zweiter Wahl". Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben. Behutsam verpackt man sein kleines Ideal. - Einmal aber sollte man... (Siehe oben!) zurück Kleines Liebeslied Weil deine Augen so voll Trauer sind, Und deine Stirn so schwer ist von Gedanken, Laß mich dich trösten, so wie man ein Kind In Schlaf einsingt, wenn letzte Sterne sanken. Die Sonne ruf ich an, das Meer, den Wind, Dir ihren hellsten Sommertag zu schenken, Den schönsten Traum auf dich herabzusenken, Weil deine Nächte so voll Wolken sind. Und wenn dein Mund ein neues Lied beginnt, Dann will ichs Meer und Wind und Sonne danken, Weil deine Augen so voll Trauer sind, Und deine Stirn so schwer ist von Gedanken... zurück in memorian Emmerich Krause † Wer hätte das gedacht vom Lehrer Krause! Nun hat er sich tatsächlich umgebracht. Der gute Kerl. Er hat so gern gelacht. - Ich seh im Schulhof ihn zur großen Pause Vergnügt das dicke Käsebrot verzehren Und O-Bein-schlenkernd gehn. Sein Zeigefinger droht. Weil Narrenhände Tisch und Wand beschmiern. Nun ist er tot. Und kann auch nicht mehr Kunstgeschichte lehren. Wer hätte es von Krause je geglaubt, Daß er sich, statt mit Heftekorrigieren, Befaßt' verderblich mit Philosophieren. - Was ihm zuletzt auch den Verstand geraubt. Es sind nach ihm jetzt trauernd hinterblieben: Ein Gips-Apoll, ein seltenes Herbarium, Kein Geld, sowie ein Goldfisch nebst Aquarium, Ein Tagebuch in Samt. Darin steht geschrieben: "Oft bin ich nur per Zufall aufgewacht Und mußte aus Versehen weiterleben. Mir geht sogar das Sterben daneben. Und ich hatte es mir so einfach gedacht." Wir Schüler standen um sein Grab erschüttert. Ergriffen sprach sogar der Schul-Dekan. Doch als die Pauker sich den Sarg besahn, da dachte das Kollegium verbittert: "An Menschen solcher Art ist kein Bedarf. - Wenn einer seinem Schicksal fristlos kündigt, Das heißt soviel: daß er sich schwer versündigt!" Weil man ja nur auf Raten sterben darf... zurück Kleine Auseinandersetzung Du hast mir nur ein kleines Wort gesagt, Und Worte kann man leider nicht radieren. Nun geht das kleine Wort mit mir spazieren Und nagt... Uns reift so manches stumm in Herz und Hirn, Den andern fremd, uns selbst nur nah im stillen. Das schläft, solang die Lippen es verhüllen, Entschlüpft nur unbewacht, um zu verwirrn. Was war es doch? Ein Nichts. Ein dummes Wort... So kurz und spitz. Leis fühlte ich das Stechen. In solchen Fällen kann ich selten sprechen, Drum ging ich fort. Nun wird ein Abend wie der andre sein. Sinnlos mein Schweigen, ziellos mein Beginnen. Leer wird die Zeit mir durch die Finger rinnen. Das macht: ich weiß mich ohne dich allein. ... Ich muß schon manchmal an das Ende denken Und werde dabei langsam Pessimist. So ein paar Silben können kränken. - Ob dies das letzte Wort gewesen ist? zurück Reisebekanntschaft Gestern warst du noch Herr Schmidt für mich. - Eine Nummer aus der Badeliste. Heute aber lieb ich dich. Als ich dich zum ersten male küßte, Wars um einen anderen zu grüßen, Dafür aber muß ich büßen. Und zur Strafe lieb ich dich. Gestern warst du mir ein Irgendwer, Gestern morgen noch. Das waren Zeiten...! Heute sind ohne dich Musik und Meer, Wein und Landschaft Überflüssigkeiten. Lohnt sich das, nichts andres mehr zu denken? Frühstück, Mittag, Abendessen: Du. Schwindel ist's, daß wir das Herz verschenken. Uns verschenkt es. Und wir sehen zu. Wärst du wieder nur Herr Schmidt für mich! ("Viel zu dick. Kein Typ. Kommt nicht in Frage.") Aus. Vorbei. Nun quäl ich mich und frage: Warum, bitte, lieb ich dich? Morgen muß ich doch in Kottbus sein. Wieder wird das Kursbuch Schicksal spielen. Und ich fahr mit scheußlichen Gefühlen Ohne dich in meine Welt hinein. zurück Kurzer Epilog Du hast mir bis zuletzt noch "Sie" gesagt Und schwiegst per "du". Ich lernte warten, leiden. Du sahst mir zu. Und dann sprachst du vom Scheiden. Ich habe nicht warum, wohin gefragt. Du hörtest mich mit all den andern lachen Und wußtest wohl, daß mir an keinem lag. Du sahst sie mich verwöhnen Tag um Tag, Mir unerwünschte Komplimente machen. Kein Wort aus deinem Mund. Du hattest Zeit... Kein Ton aus meinem. Denn ich hatte Ehre. Ich tat so kühl. Ein Hauch von dir, ich wäre Dir nachgefolgt in die Unendlichkeit. Kein Sommer war wie jener groß und klar. Wir haben ihn mit dummer Hand verschwendet. Nun aber, da das Kinderspiel beendet, Begreifen wir, daß es der letzte war. Gleich als du fort warst, fing es an zu regnen. - Ich wußte, daß ein Ende so beginnt. Weil wir nie wieder denen begegnen, Die für uns ausersehen sind. zurück |